1h 50min

Dokumentarfilm

Dezember 2008

Let’s Make Money

Die Dokumentation von Erwin Wagenhofer folgt dem Weg des allgemeinen Geldes, dorthin wo spanische Bauarbeiter, afrikanische Bauern oder indische Arbeiter das Geld des Westens vermehren, selbst aber bettelarm bleiben. Der Film featured gefeierte Fondsmanager, die das Kapital ihrer Klienten täglich aufs Neue anlegen sowie Unternehmer, die zu Gunsten ihrer Aktionäre ein fremdes Land ausbeuten, solange die Steuern und Löhne niedrig sind und die Umwelt Nebensache bleibt. Der Zuschauer erlebt die Gier und die damit verbundene Destruktivität, welche mit dem Geld der Bürger angerichtet wird.

Der DOP (Director of Photography) bei der Arbeit am Filmset.

Der Film gibt ebenfalls Einsicht in mehrere Ebenen des Finanzsystems und geht auf die Frage ein, warum es auf der Welt zu einer immensen Geldvermehrung gekommen ist. Es werden deren Konsequenzen für das Leben des Normalbürgers aufgezeigt. Tagtäglich werden mit Lichtgeschwindigkeit möglichst hoch verzinste Milliardenbeträge um den Globus transferiert. Let’s Make Money zeigt einige Zwischenstationen dieser Vermehrungsreise des Geldes auf, wie etwa Jersey, Schweiz oder London.

Weshalb ist die Kanalinsel das vermögendste Land Europas? Reiche und Konzerne nutzen Steueroasen, um Steuern zu sparen. Die Politik hat dies bislang nicht verhindert, obwohl die jeweiligen Regierungen die Spielregeln für das globale Geldsystem festsetzen. Seit den 70er Jahren unterstützten sie sogar den Geldfluss und schufen auf diese Weise die Basis für den Boom der internationalen Finanzindustrie mit ihren Zentren in Frankfurt, London oder New York. Dabei drehte sich alles lediglich um die Interessen von wenigen Einflussreichen und Mächtigen.

Nachdem die Regierungen vieler Entwicklungsländer durch hohe Verschuldung erpressbar geworden waren, konnten die Weltbank und der Internationale Währungsfonds ihnen eine Privatisierung von Baumwollfabriken, Stromerzeugern und Altersvorsorge aufoktroyieren. Dadurch entstehen wiederum neue Anlagemöglichkeit für Geld. Doch dieser “Ausverkauf” sozialer Errungenschaften wie Energieversorgung, Pensionswesen, Gesundheitswesen und öffentlicher Verkehr betrifft nicht nur die Länder der “dritten” Welt, sondern alle Staaten. Und genau das möchte der Film aufzeigen: Die Menschheit befindet sich in keiner Finanzkrise, sondern einer Gesellschaftskrise, die mit dem Geld der Bürger beeinflusst werden kann.


Kapitel 1

Lassen Sie Ihr Geld arbeiten

Die Dokumentation nimmt ihren Anfang in der Ahafo-Mine in Ghana, Westafrika. Der Zuschauer wird Zeuge von Sprengungen riesiger Areale. Dem Gestein wird in einem mühsamen Prozess Gold entnommen, welches dann eingeschmolzen und direkt in die Schweiz transportiert wird. Das Verteilungsverhältnis ist klar: 97 % für den Westen, 3 % für Afrika. Die Weltbank half bei der Errichtung der Mine.


Kapitel 2

Investitionsland Indien

Die Armut ist in der indischen 8-Millionenstadt Chennai – früher bekannt unter dem Namen Madras –, in welcher über ein Drittel der Bevölkerung lebt, unübersehbar. Menschen wohnen auf den Straßen, an den Ufern der Kloaken und am Strand, wo sich einstmals Flüsse befanden. Mirko Kovats, einer der vermögendsten österreichischen Industriellen, der im Übrigen in seiner Heimat aufgrund einiger Konkurse einen gewissen Grad an Bekanntheit erlangte, beschwört die Überbleibsel der Kolonialzeit: “Hier schreit keiner nach dem Staat. Hier ist Selbsthilfe angesagt. Hier geht’s nur um die Wirtschaft.” Die Kapitalanleger, die in Chennai investieren, stammen aus London und verwalten Gelder von Versicherungen und Pensionskassen. Kovats zufolge, zwingt der Wettbewerb zu einer Vielzahl unangenehmer Maßnahmen, “[…] aber wir sind unter dem Druck der Globalisierung, und wir müssen uns bewähren gegen die Leute, die sehr wenig verdienen, die um ihr Leben arbeiten müssen. Selbstverständlich wird die Arbeitszeit steigen, und ich gehe davon aus, dass diese Mehrarbeitszeit auch in Zukunft nicht bezahlt wird.”


Kapitel 3

Chancen auf den Emerging Markets

In Singapur begleitet die Filmcrew Dr. Mark Mobius, den Präsidenten von Templeton Emerging Markets, die für die Verwaltung des derzeit größten EM-Fonds der Welt mit ca. 50 Milliarden Dollar verantwortlich sind. Mobius, der in Finanzkreisen als Guru gilt und auch als “Vater der Emerging Markets” bezeichnet wird, hält den Globalisierungstrend prinzipiell für positiv. Das Geld, dass sie durch Investitionen in die Emerging Markets verdienen, wird später in den Westen transferiert: “Ich glaube nicht, dass ein Investor verantwortlich ist für die Ethik, für die Verschmutzung oder das, was eine Firma verursacht, in die er investiert. Das ist nicht seine Aufgabe. Seine Aufgabe ist zu investieren und Geld für seine Klienten zu verdienen.”

Vor der schimmernden Skyline Singapurs erklärt Mark Mobius abermals, wie man zu Geld kommt: “Es gab einen berühmten Ausspruch, dass die beste Zeit zu kaufen ist, wenn das Blut auf den Straßen klebt. Ich füge hinzu: Auch wenn es dein eigenes ist. Denn, wenn es Krieg, Revolution, politische Probleme und Wirtschaftsprobleme gibt, dann fallen die Preise von Aktien und jene Leute, die an diesem Tiefpunkt kauften, haben jede Menge Geld gemacht.”


Kapitel 4

Von langer Hand geplant

Gerhard Schwarz ist mit der Bahn auf den Mont Pelerin, einen Pilgerberg nahe der Schweizer Stadt Vevey, unterwegs, auf welchem 1947 in einem der Luxushotels die Mont Pelerin Society – kurz MPS – begründet wurde. Schwarz leitet seit 14 Jahren die Wirtschaftsredaktion der Neuen Züricher Zeitung und fungiert nebenamtlich als Präsident der Friedrich August von Hayek Gesellschaft. Letzterer hatte 36 Intellektuelle versammelt, um über die theoretischen wie praktischen Aspekte des Liberalismus zu diskutieren. “Das Ziel der Gründer war”, erzählt Schwarz, “ein intellektuelles Netzwerk aufzubauen. Man wollte nicht in die Politik hineingehen, sondern mit Ideen die Politik beeinflussen. Berühmt wurde die Mont Pelerin Society dann in den 80er Jahren mit Ronald Reagan. In seiner Regierung und in seinem Beraterteam waren viele amerikanische Mitglieder der MPS. Man spricht von streckenweise 20 oder mehr Mitgliedern, und etwa zur gleichen Zeit hat natürlich auch Mrs. Thatcher sich stark auf die Ideen von Friedrich August von Hayek und von verschiedenen britischen Mitgliedern der MPS gestützt.”

In einem Londoner Taxi erläutert Finanzökonom John Christensen, warum sich die “City of London” als weltweit größtes Finanzzentrum etablieren konnte. In den 70er Jahren war die britische Regierung mit einer einschneidenden Krise der verarbeitenden Industrie konfrontiert. Sie unternahm den Versuch, London zum dominierenden Finanzplatz zu machen und reduzierte im Zuge dessen die Kontrollen über die dort operierenden Finanzinstitute und Banken. Christensen erzählt weiter: “Noch entscheidender war, dass die Banken die Möglichkeit erhielten, viele ihrer Transaktionen ‘offshore’ abzuwickeln, an Finanzplätzen wie Jersey, Guernsey oder der Isle of Man, und noch einigen in der Karibik wie [den] Kaimaninseln und [den] britischen Jungferninseln. Das Ziel bestand darin, es britischen Banken zu ermöglichen, Kapital aus der ganzen Welt in die City of London fließen zu lassen und ihr dadurch Zugang zu preiswertem Kapital zu ermöglichen.”

Die britische Regierungschefin Margret Thatcher sowie US-Präsident Ronald Reagan waren begeisterte Verfechter des Neoliberalismus Hayekscher Prägung. John Christensen zählt die vier Grundsätze sowie Schlüsselelemente des Neoliberalismus entsprechend des Verständnisses der Mont Pelerin Society auf, welcher in den 70er Jahren von der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds zum Kern ihrer Politik erkoren wurde: “Das erste Element bestand in einer Deregulierung der Finanzmärkte auf der ganzen Welt. Kapital sollte sich frei von einem Land zum anderen bewegen können. Der zweite Teil bestand in einer Liberalisierung der Handelsströme. Es ging darum, Handelsbarrieren abzuschaffen, die sehr sorgfältig im Laufe vieler Jahrzehnte von Entwicklungsländern errichtet worden waren, um ihre eigenen wachsenden Industrien zu schützen. Das dritte Element bestand in einer völligen Abschaffung des Staates, um die Interventionsmöglichkeiten des Staates zu reduzieren. Anders gesagt, wurden die Steuereinnahmen so reduziert, dass die Staaten nicht mehr einschreiten konnten, um ihre Bürger zu schützen. Und das vierte Element verlangte von den Staaten, ihre Industrien zu privatisieren. Dabei wurde mehr oder weniger sichergestellt, dass die Industrien unter ihrem Wert an fremde Kapitalanleger verkauft wurden. Dies sind die vier politischen Druckmittel, die vom Internationalen Währungsfond und der Weltbank angewandt werden und die Neoliberalismus genannt werden.“


Kapitel 5

Steigende Guthaben – Steigende Schulden

Szenenwechsel: Burkina Faso in Afrika. Durch die jahrzehntelange Baumwoll-Monokultur sind die Böden fast vollkommen erodiert. Der in Genf ausgebildeter Agronom Yves Delisle zieht Bilanz: “Die Baumwolle ist weg. Das Geld von der Baumwolle ist weg. Zurück bleibt dieser Boden, auf dem nichts mehr wächst.” Wenn er auf die 20 Jahre Zusammenarbeit mit den Bauern zurückblickt, kann er keine Verbesserung der Situation feststellen. Der Verdienst dieser Menschen im Jahr beträgt umgerechnet weniger als 50 Euro. Die Baumwolle hat die weltweit beste Qualität, aber auch die niedrigsten Produktionskosten. Deshalb erzielt sie auch keinen Ertrag auf dem Weltmarkt. Francis Kologo von der Sofitex beschwert sich: “Die USA subventionieren jedes Jahr ihre Baumwolle mit rund 3 Milliarden Dollar. Wenn die Amerikaner liberal sind, warum subventionieren sie dann ihre Baumwollproduktion? Sie machen selbst Protektionismus und verlangen von uns Liberalismus.”


Kapitel 6

Überlebensgrundlage

Laut der UNO ist Burkina Faso das viertärmste Land der Welt. 60 % der Kinder gehen zur Schule. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Burkiners beträgt 42 Jahre. Wenn der Westen die Subventionen der Baumwolle nicht stoppt, werden Francis Kologos Landsleute auswandern müssen: “Jeder Burkinabe, der heute geboren wird, hat schon hohe Schulden. Selbst der, der erst in 25 Jahren geboren wird. Wenn wir keine Baumwolle machen, dann wird jeder Afrikaner aus Burkina – aber auch aus Mali, Benin und anderen Ländern – nach Europa auswandern. Wir haben keine andere Wahl. Wir werden bei euch einfallen, mit Sicherheit. Wenn wir auswandern, können sie ruhig 10 Meter hohe Mauern bauen. Wir werden trotzdem nach Europa kommen.”

Gerhard Schwarz, Leiter der Wirtschaftsredaktion der Neuen Züricher Zeitung, hat eine andere Ansicht zur Migrationsproblematik: „Alle Liberalen dieser Welt sind der Meinung, dass Grenzen offen sein sollten für Güter, für Geld und für Dienstleistungen. Schwieriger wird es bei Menschen. Da muss man sich überlegen, ob man nicht eine Art Eintrittspreis verlangen müsste, so wie man eben in einem Club auch Eintrittspreis verlangt. Wer in einen Tennisclub eintritt, muss in der Regel einen Eintrittspreis zahlen nicht nur eine monatliche oder jährliche Gebühr wie die Steuern , sondern er muss einen Eintrittspreis zahlen, weil die Vorgänger, die schon da sind, das Clubhaus aufgebaut haben, die Plätze aufgebaut haben, und damit ein Neuer von etwas profitiert, zu dem er nichts beigetragen hat.“


Kapitel 7

Enteignung der Gemeinschaft

Werner Rügemer von der Universität Köln erklärt, dass seit etwa 20 Jahren Banken, Fonds und große Investoren dazu übergegangen sind, sich in öffentlichen Sachwerten regelrecht festzukrallen. Im Konkreten sind diejenigen Sachwerte gemeint, hinter denen letzten Endes doch der Staat steht: die Bürger, die regelmäßig ihre Mieten, Wassergebühren usf. bezahlen müssen. Dies ist der Sinn und Zweck hinter der Privatisierung.

Rügemer wird in einer gemütlichen Wiener Straßenbahn interviewt, von der man annehmen würde, dass sie sich im Besitz der Stadt Wien befindet. Doch er stellt klar: „Diese Straßenbahn gehört einem amerikanischen Investor. Vor ein paar Jahren hat der Stadtrat von Wien beschlossen, seine Straßenbahnen an amerikanische Investoren zu verkaufen. Dafür hat’s viel Geld gegeben, über 1 Milliarde Dollar – aber das hat die Stadt Wien gar nicht bekommen. Das ist weitergeleitet worden an englische und andere Banken, und die […] zahlen dann für die Stadt Wien viele Jahre lang Leasingraten an den amerikanischen Investor, damit die Stadt Wien die verkauften Straßenbahnen wieder benutzen darf. Das muss man sich mal vorstellen!“

Bundestagsabgeordneter und Träger des Alternativen Nobelpreises Hermann Scheer hält die Tendenz zur Privatisierung für sehr fragwürdig: „Privatisierung kommt von ‘privare’, ein lateinisches Wort mit der Bedeutung ‚berauben‘. Wenn nun eine Privatisierung stattfindet, dann werden Gemeinschaftsgüter von privaten Interessenten aufgekauft – oder sogar verschenkt […], und das ist nichts anderes, als eine Beraubung der Gemeinschaft.“

Werner Rügemer erläutert weiter, dass das “kuriose Konstrukt Cross Border Leasing” relativ weit verbreitet ist. Auch die Österreichische Bundesbahn hat ihre Züge an amerikanische Investoren verkauft. Diese Praxis fand im Verlauf der Globalisierung aber nicht nur in Österreich statt. Dass Praktiken wie Cross Bordering von Politikern überhaupt abgesegnet werden, führt Hermann Scheer primär auf die Naivität der Beteiligten zurück. „Und diejenigen, die es wissen, haben nur noch einen kurzen Karrierezeitraum im Blick – nach mir die Sintflut. Und dieses radikale Kurzzeitdenken, d.h. nicht mehr das Denken in längerfristigen Verantwortungskategorien, weil es dann von anderen abgearbeitet werden muss, was sie selbst hinterlassen, ist typisch für das gesamte neoliberale Zeitalter. Im neoliberalen Zeitalter ist alles verkürzt – alles –, das gesamte Denken und Handeln verkürzt auf die aktuelle Erzielung einer höchstmöglichen Rendite, koste es was es wolle.“


Kapitel 8

Im Namen der Freiheit

Washington D.C., USA. Martha’s Table versorgt gleich gegenüber der Weltbank Obdachlose mit Suppe. Viele von ihnen waren einst gut situierte Leute, deren Rente aber nicht zum Leben ausreicht.

In West Palm Beach, Florida, gewährt der erfolgreiche US-amerikanische Buchautor John Perkins Einblick in seinen einstigen Beruf als Economic Hit Man bzw. Wirtschaftskiller des Geheimdienstes. Die Arbeitsweise ist der der Mafia ähnlich, nur dass die Methoden des Geheimdienstes professioneller und ihre Opfer ganze Länder oder Regierungen sind.

Sehr freimütig plaudert Perkins aus dem Nähkästchen: „Wirtschaftskiller suchen ein Land mit Ressourcen aus, mit denen unsere Firmen arbeiten – Erdöl zum Beispiel. Dann arrangieren wir einen riesigen Kredit für das Land von der Weltbank oder einer ihrer Schwesterorganisationen. Doch dieses Geld kommt nie in diesem Land an. Stattdessen fließt es an unsere Firmen, die dafür riesige Infrastrukturprojekte in dem Land abwickeln. Dinge, die wenigen Reichen in dem Land nützen sowie unseren Firmen. Doch den meisten Menschen bringen sie nichts, weil sie zu arm dafür sind. Doch die arme Bevölkerung muss nun riesige Schulden abtragen, so riesig, dass sie sie niemals zurückzahlen können. Doch bei dem Versuch, die Schulden zurückzuzahlen, kommen sie in eine Lage, wo sie sich weder Gesundheits- noch Ausbildungsprogramme leisten können. So sagen die Wirtschaftskiller zu den Leuten: Ihr schuldet uns viel Geld. Ihr könnt eure Schulden nicht bezahlen, also zahlt uns in Naturalien. Verkauft euer Öl billig an unsere Ölfirmen, stimmt bei der nächsten kritischen UNO-Abstimmung mit uns. Unterstützt unsere Truppen, z.B. im Irak. Auf diese Art und Weise gelang es uns, dieses Imperium zu schaffen. Denn Tatsache ist: Wir schreiben die Gesetze. Wir kontrollieren die Weltbank. Wir kontrollieren den Internationalen Währungsfonds. Wir kontrollieren sogar die UNO in hohem Maße. Wir schreiben also die Gesetze. Insofern tun Wirtschaftskiller nichts Ungesetzliches. Ländern große Schulden aufbürden und dann eine Gegenleistung verlangen, ist nicht verboten. Es sollte verboten sein, ist es aber nicht.“

Die Vereinigten Staaten waren erfolgreich darin, dem Rest der Welt den US-Dollar aufzunötigen. Bis in die 70er Jahre hinein galt noch die Golddeckung der Währungen. Die USA steckten insbesondere wegen des Vietnamkriegs tief in Schulden. Hätte ein Gläubigerland sein Geld zurückgefordert, wäre Richard Nixon nicht in der Lage gewesen es zurückzahlen, da die Schulden ohnehin nicht mehr durch Gold gedeckt waren. Man beschloss also, von der Goldbindung auf die Erdölbindung umzusteigen.

Die USA konnten bei der OPEC durchsetzen, dass die Erdölverkäufe nur mehr in Dollar abgewickelt werden durften. Die Bindung ans Erdöl schien angesichts der Ölpreise eine smartere Entscheidung zu sein. Die Tatsache, dass die Welt Erdöl nur mehr mit US-Dollars bezahlen konnte, erhöhte die Bedeutung der amerikanischen Währung dramatisch.

John Perkins, der selbst eine wesentliche Rolle bei dem Pakt zwischen den USA und Saudi-Arabien spielte, meint: „Auch heute sind die USA wieder ein bankrottes Land. Wir haben riesige Schulden, mehr als jemals ein anderes Land hatte. Wenn irgendeines der Länder sein Geld in einer anderen Währung als Dollar fordern würde, dann wären wir in großen Schwierigkeiten. Aber jetzt wollen alle ihr Geld in Dollar, weil Erdöl so ein wichtiges Produkt ist und man es nur in Dollar kaufen kann. Saddam Hussein drohte, Erdöl auch gegen eine andere Währung zu verkaufen – kurz bevor er gestürzt wurde.“

Wenn die Wirtschaftskiller einmal keinen Erfolg bei der Korrumpierung eines Landes haben, werden die Schakale losgeschickt: “Das sind Menschen, die Regierungen stürzen oder deren Führer ermorden. Als ich an Jaime Roldós in Equador und Omar Torrijos in Panama scheiterte, traten die Schakale auf den Plan und ermordeten sie.“ Scheitern sowohl Wirtschaftskiller als auch Schakale, wird in seltenen Fällen sogar das Militär ausgeschickt. Genau das ist auch im Irak geschehen. Hussein ließ sich durch die Wirtschaftskiller nicht  korrumpieren, und die Schakale schafften es nicht ihn zu erwischen. Daraufhin zerstörte das amerikanische Militär im ersten Irakkrieg 1991 seine Armeen. Als er sich dann noch immer weigerte nachzugeben, entsandte man erneut Wirtschaftskiller, die vergebens versuchten ihn weichzuklopfen: „Hätte er nachgegeben, würde er heute noch regieren. Wir würden ihm Flugzeuge und Panzer und sonst noch alles mögliche verkaufen. Aber er gab nicht nach und die Schakale konnten ihn nicht ermorden […] Als weder die Wirtschaftskiller noch die Schakale beim zweiten Mal Erfolg hatten bei Saddam Hussein, war der Augenblick da, wo wir wieder das Militär geschickt haben. Und diesmal haben wir ihn gestürzt. Der Rest ist Geschichte.“


Kapitel 9

Steigende Gewinne – Sinkende Löhne

Anton Schneider, Partner des Private Equity Fonds, stellt fest, dass es infolge der Globalisierung in den vergangenen 10 bis 15 Jahren zu einer massiven Einkommensverschiebung gekommen ist. Arbeiter und Angestellten war es nicht möglich ihre Lohnforderungen durchzusetzen. Stattdessen hatte man sie durch die aufgrund der Globalisierung entstandene Konkurrenzsituation erpresst, Arbeit zu billigeren Konditionen zu verrichten.

Die dramatischen Einkommensverschiebungen begünstigten zweifelsohne das Kapital, und die riesigen Geldbeträge, die angelegt werden müssen, haben eine neue Industrie geschaffen: Die Industrie der Investmentbanker, Finanzdienstleister, Hedgefonds und Private Equity Fonds. In der Regel kauft die Private Equity-Industrie Unternehmen mit relativ niedrigem Eigenkapitaleinsatz ein, finanziert die Kosten durch die Schulden und bringt letztere danach ins erworbene Unternehmen ein, welches wiederum hohe Schulden und dementsprechend weniger Investitionskapital zur Verfügung hat.

Diese Praxis funktioniert, solange die Wirtschaft boomt oder die betreffenden Unternehmen gut positioniert sind. Schneider resümiert: “Aber in vielen Fällen geht es nicht gut und die Kaufpreise sind in den letzten Jahren ins Unendliche gestiegen und wurden mit unglaublichen Fremdkapitalien finanziert.” Dies hat häufig zur Folge, dass die Unternehmen die Schulden nicht mehr bedienen können, die Banken hingegen müssen die Kredite abschreiben. „Deswegen wird ja auch von den Heuschrecken gesprochen – ich glaube dieser Begriff trifft es in vielen Fällen sehr genau.“


Kapitel 10

Gewinne für wenige – Verluste für alle

Neuer Schauplatz: Andalusien, Spanien. Mächtige Hotelkomplexe, Siedlungen und eine beinahe unendliche Menge an Golfplätzen durchziehen die Landschaft – die meisten von ihnen sind genehmigt, manche wurden aber illegal und sogar in Naturschutzgebieten erbaut. Eine Legalisierung ist im Nachhinein nicht möglich, sodass die Investitionsruinen in der Regel nach vielen Jahren auf Kosten der Steuerzahler wieder abgerissen werden. Die Investoren werden dagegen großzügig entschädigt.

Kartograph Miguel Angel Torres verfolgt die Bautätigkeit an der Costa del Sol bereits seit mehr als 18 Jahren: „Der Großteil der Wohnungen dient als Wertanlage. So können Immobiliengesellschaften, Unternehmen und europäische Banken mit einem jährlichen Profit von etwa 20% rechnen. Durch herkömmliche Geldanlage an der Bank oder an der Börse ist nur ein Durchschnittsprofit von 5 bis 6% zu erreichen.“

Dieser Prozess trug zur schnellen Bereicherung einer Kleinzahl von Investoren bei und schuf dabei zigtausende leerstehende Immobilien, die nun allmählich verrotten. Die Bauruinen bieten vielen illegalen Immigranten, die zum Großteil aus Afrika nach Spanien kommen, zwar kein Obdach, dafür aber Arbeit. Hier werden sie zu niedrigen Löhnen im Bausektor beschäftigt, der sein Schwarzgeld auf diese Weise über die eigenen Arbeitnehmer wieder los wird.

Ramón Fernandéz Durán von der Universität Madrid merkt zu dieser Thematik an: „Spanien ist eines der Länder, wo die Immobilienblase sich in den letzten 5 Jahren am intensivsten entwickelt hat. Man kann von einer gewaltigen Verstädterung in einem Zement-Tsunami sprechen, der die Küste und die Inseln überrollt. […] Das Ausmaß der Bebauung hat seine Grenzen erreicht. Von der gesamten Küste ist der erste Kilometer des Küstenstreifens bereits zu 80% verbaut. Man beginnt bereits, die letzten Naturräume zu besetzen.“

Schätzungen zufolge stehen an Spaniens Küsten 3 Millionen Häuser und Wohnungen leer sowie circa 800 neu entstandene Golfplätze mit künstlichen Rasenflächen, deren Erhaltung so viel Wasser benötigt wie 16 Millionen Menschen zum Leben. Nach dem Verkauf großer Teile ihrer Goldreserven, steht die spanische Zentralbank vor dem Zusammenbruch.

Der Private Equity Fond-Manager Anton Schneider fügt an: „Letztendlich wird das Geld der kleinen Leute dazu verwendet, die Wetten abzusichern, damit die Wettsysteme, also die Zocker, die da herumzocken, auch weiterhin ihre Basis haben, nämlich ihre Institute nicht bankrott gehen.“


Kapitel 11

Wie lange können wir uns die Reichen noch leisten?

Nach amerikanischen Schätzungen hält die kleine britische Kanalinsel Jersey circa 500 Milliarden US-Dollar an Privatvermögen. Das Kapital stammt von außerhalb und befindet sich auf den Sparkonten der Insel. Eigentlich bleibt das Geld gar nicht in Jersey, sondern schwappt einmalig über die Insel hinweg, bevor es weiter in die bedeutendsten Finanzzentren der Welt transferiert wird.

Jersey ist ein Staat mit besonders striktem Bankgeheimnis. Finanzökonom John Christensen erläutert, inwieweit Jersey beim Steuersparen hilfreich ist: „Eine typische Struktur für Steuerumgehung oder Steuerflucht besteht aus einem in Jersey gegründeten Trust, der eine Firma in Luxemburg besitzt. Die hätte dann ein Konto auf den Kaimaninseln, in der Schweiz oder in London. Jedenfalls hat man drei verschiedene Rechtssysteme. […] So wird es praktisch unmöglich festzustellen, wer hinter diesem Trust steht, wem wirklich die Firma gehört und wer wirklich das Bankkonto besitzt.“

Die Abwicklung des Welthandels geschieht großteils über Steuerparadiese, um das Kapital aus dem Staat zu bringen, in welchem die Wertschöpfung stattfand. Dies führt nicht zuletzt zu einer drastischen Kapitalflucht aus den Entwicklungsländern, in die oftmals das Kapital nie wieder zurückfließt. Man schätzt, dass für jeden US-Dollar, der für die Entwicklungshilfe nach Afrika fließt, gut 10 Dollar unter dem Tisch wieder das Land verlassen.

John Christensen rechnet vor: „Man schätzt, dass derzeit 11,5 Billionen Dollar an Privatvermögen in Steuerparadiesen gehalten, von dort aus verwaltet und der Steuer vorenthalten werden. Was kann man sich unter 11,5 Billionen Dollar vorstellen? Nur um eine Vorstellung von der Dimension dieser Summe zu geben: Wenn dieses Geld auch nur einen kleinen Prozentsatz – sagen wir 7% – einbringt und dieses Einkommen bescheiden mit 30% besteuert würde, stünden den Regierungen der Welt zusätzlich 250 Milliarden Dollar zur Verfügung. Dieses Geld könnten sie jedes Jahr ausgeben, um die UN-Millenniumsziele zu erreichen.“


Kapitel 12

Selektionsmechanismen

Abschließend warnt Hermann Scheer, Träger des Alternativen Nobelpreises und Bundesabgeordneter: „Wenn wir so weitermachen, dann kommen neue Selektionsmechanismen zwischen Staaten, zwischen Rassen, zwischen Religionen, zwischen berechtigten Menschen und unberechtigten, zwischen wertvollen und nicht wertvollen Menschen. Dann wird der monetäre Wert des Menschen irgendwann in den Vordergrund geschoben, und dann beginnt ein neues Zeitalter der Barbarei. Das ist unausweichlich.“

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